Anliegen

Nobelpreisträger Günter Blobel gestorben

Dresden-Fan und -Förderer

Blobel9Der deutschstämmige Medizin-Nobelpreisträger und Mäzen der Dresdner Frauenkirche, Professor Günter Blobel ist tot. Wie der Verein Friends of Dresden mitteilte, starb der 81-jährige Forscher am Sonntag 18. Februar 2018 in New York. Nach Angaben der Rockefeller University, an der Blobel rund 50 Jahre wirkte, erlag er nach schwerer Krankheit einem Krebsleiden. 

Auf der Flucht  nach Westen durchquerte Blobels Familie das bis dato unzerstörte Dresden. Die Bombadierungen am 13. und 14. Februar 1945 erlebte die Familie aus  Entfernung. Der über viele Kilometer noch sichtbare Schein des Feuersturms, die Schrecken der Zerstörung Dresdens, prägten den achtjährigen für die Zeit seines Lebens. Von seinem 1999 erhaltenen Nobelpreis, spendete er 820.000 Euro des Preisgeldes für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Auch bei der Gestaltung des über Jahre wieder neu aufgebauten Neumarkts mischte Blobel mit und unterstütze die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden (GHND) ideell und Materiell. Die Wiedererichtung des „Au petit bazar“ auf dem von ihm erworbenen Grund ist sein in einem Leitbau manifestierter Beitrag auf dem Neumarkt. Auch für die Wiedererrichtung des historischen Neustädter Rathauses, die Hängung der aufgefundenen Glocke spendierte er 5.000 Euro. Vehement war sein Engagement gegen den Bau der Waldschlosschenbrücke und den Behalt des Welterbe-Status, das er bis an die ICOMOS herantrug - erfolglos.

In MEMORIAM Berichte und Gespräche aus persönlicher Begegnung mit Günter Blobel:

ORDENSEHRUNG FÜR NOBELPREISTRÄGER BLOBEL

(21.05.2002 Bäu) Der Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste war im Jahr 1842 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. gegründet worden, wurde von den Nazis aufgelöst und im Jahre 1952 vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuß wiederbelebt. Auf Lebenszeit aufgenommen, gehören dem Ehrenorden jetzt 35 deutsche und 35 ausländische Mitglieder an. Bereits 2001 wurde Professor Dr. Günter Blobel in den Orden zugewählt. Am kommenden 3. Juni 2002 erfolgt bei einer feierlichen Sitzung des Ordens in Berlin mit Gegenwart des Bundespräsidenten die Einführung und Ordenszeichenübergabe an Blobel. Mit ihm geehrt wird der Musiker und Dirigent Nikolaus Harnoncourt.
 
     Für seine Arbeiten und die Entwicklung der Signaltheorie zum intra- und interzellulären Transport von Proteinen hatte Blobel im Jahr 1999 den Nobelpreis für Medizin erhalten. In 2000 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

      Der in schlesischen Waltersdorf geborene wuchs, nach Flucht der Familie vor der vorrückenden Roten Armee in den Westen, im sächsischen Freiberg auf und ging dort zur Schule. Wegen begrenzter Studienmöglichkeiten in der DDR setzte er sich ind den 1950 Jahren nach Westdeutschland ab. Seit 1969 lehrte er in New York. Bekannt wurde er in Dresden durch sein außerordentliches Engagement für den Wiederaufbau der Stadt. Er ist Gründer und Präsident der „Friends of Dresden“ in den USA und stiftete fast sein gesamtes Nobel-Preisgeld von 1,8 Millionen Deutsche Mark für die Frauenkirche, den Neubau der jüdischen Synagoge, für den Verein Historischer Neumarkt und mehr. (TOP Magazin, Sächsische Zeitung)



(28.2.2001 Bäu) Vor einem Jahr, im Zusammenhang eines Ehrensymposions des MPI für Molekulare Zellforschung und Genetik zu seinem 65igsten Geburtstag, hielt Blobel einen populärwissenschaftlichen Vortrag in der Reihe Wissenschaft im Rathaus. Ein Gespräch mit ihm danach über seine Entdeckung, über Embryonenforschung, über seine Pläne, geben wir im folgenden wieder. Das Gespräch führte Peter Bäumler. (Sächsische Zeitung und weitere)

DIE ZELLE - Herz des Biokosmos

Herr Professor, 1971 haben Sie mit einer genialen Hypothese die Entdeckung ausgelöst, dass lebensformende Eiweißmoleküle mittels Signalen in Art von Adressaufklebern, selektiv Zellwandmembrane durchdringen können. Welche Bedeutung hat diese Forschungsrichtung inzwischen innerhalb der Biowissenschaften bekommen?
Dass Eiweißmoleküle Signale enthalten, ist nicht nur wichtig für ihren Transport durch die Zellwandmembran, sondern auch für den Einbau der Proteine in die Membran selbst. Ungefähr fünfzig Prozent aller Eiweißmoleküle der Zelle sind in die Membran „hineingewebt“, wo sie wichtige Funktionen haben als Kanäle für Ionen und andere Stoffe, die in die Zelle transportiert werden müssen. Mit unserem Wissensstand darüber ist es wie beim Prolog eines Stückes, die Charaktere sind identifiziert und vorgestellt, aber wie sie miteinander agieren und was da so passieren wird, steht dem Betrachter noch bevor. Über die Mechanismen der Zelle müssen wir noch viel lernen. Die Forschung auf diesem Gebiet ist intensiv und sehr aktiv.

Gibt es nach 30 Jahren wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet bereits praktische Anwendungen, beispielsweise in der Medizin?
Anwendungen sind die, dass man diese Proteine - und viele von Ihnen sind sehr wichtig, wie das Insulin oder Wachstums-Hormone - mit Hilfe der Signale in die Zellen fremder Organismen so induzieren kann, dass deren Produktion dort erfolgt. Zur Herstellung von Insulin zum Beispiel, braucht man es nicht mehr aus der Bauchspeicheldrüse von Schlachttieren zu extrahieren sondern man kann es mit gentechnischen Methoden in Wirtszellen vermehren und mittels der „Adressaufkleber“ den Überschuss aus den Zellen holen und nutzen. Das ist so eine praktische Anwendung.

Sie haben festgestellt, dass auf molekularer Ebene, vieles erhalten geblieben ist in den dreieinhalb Milliarden Jahren der Evolution bis heute. Können Sie aus der Forschung an einfachsten Lebewesen in früher Stufe der Evolution, beispielsweise Einzellern, Ergebnisse ableiten, die für heutige Großlebewesen gültig sind?
Das ist eine Einsicht, die wir in der biologischen Forschung in den letzten Jahrzehnten gewonnen haben, besonders seitdem man sich mit den Molekülen befasst. Vieles ist sehr ähnlich in den einfachsten Einzellern bis zu den der hochorganisierten Vielzeller. Das zeigt, dass seit der Entstehung der Zelle, vor ungefähr dreieinhalb Milliarden Jahren, sehr viele Mechanismen, mit denen die Zellen damals gearbeitet haben bis heute erhalten sind, über die Evolution hinweg. Selbst die frühen Molekülstrukturen sind bewahrt. Der Mechanismus mit den Signalen, den wir entdeckt haben, funktioniert in den Zellen einfachster Lebewesen genau so wie bei Bakterien, auch in Pflanzen, im Tier, beim Menschen.

In Ihrem Vortrag haben Sie für das molekulare Geschehen in Lebewesen riesige Zahlen angegeben, die an solche des Kosmos heranreichen oder diese gar übersteigen. Sind wir in der Bioforschung auch soweit entfernt von Enderkenntnissen wie mit dem Wissen vom Weltall?
Ich glaube wir sind noch weit entfernt vom „letzten Wissen“. Es gibt wohl auch in der Biologie so etwas wie in der Physik die Heisenberg’sche Unschärferelation, denn wenn man im Kleinsten Messen will, beeinflusst man durch diese Prozedur das Messergebnis selbst. Ja, ich bin sicher, es gibt eine „Unschärferelation“ der Biologie.

Mehrfach haben Sie die Besorgnis der Menschen über Forschung und Manipulation an menschlichen Erbzellen angesprochen ...
Das Infragestellen aus ethischer Sicht der Zellforschung entsteht durch die Wahl des Begriffes „Embryonale Stammzellen“. Die meisten Leute glauben, es handelt sich bereits um Embryos, die Beine haben, Hände und Augen und die sich in einer Fruchtblase bewegen. Dabei sind es nur winzige, fürs Auge nicht sichtbare, Zellklümpchen im Reagenzglas, an denen experimentiert wird; in der Regel weniger als fünfzehntausend Zellen, eine minimale Anzahl im Vergleich zu den kosmischen Zahlen des entwickelten Organismus. Und von solchen Klümpchen sind auch nur Bruchteile diese sogenannten Stammzellen. Bei der künstlichen Befruchtung werden von, nehmen wir beispielsweise an, vierzig Eizellen in einer Petrischale nur eine entwickelt. Die anderen neununddreißig landen im Ausguss oder sie werden aufbewahrt im Kühlschrank. Da sehe ich die ethischen Fragen die uns beschäftigen müssen.

Das Publikum war ein auffallend jugendliches. Denken Sie, dass unsere nächste Generation unbefangener zur Biotechnischen Entwicklung stehen wird?
Erziehung, sachliche Diskussion und der Fortschritt wird viele der Bedenken ausräumen. Es war ja bei den Gentechniken auch so gewesen, dass anfangs hier in Deutschland nichts davon gehalten wurde.

Das Land Sachsen hat Schwerpunkte zur Entwicklung der Bioforschung und Biotechnik gesetzt; für Dresden das MPI für Molekulare Zellbiologie und Genetik, das Bio-Innovationszentrum, BioMed. Fast wie bei der Zellvermehrung entstehen Forschungs- und Industriestätten. Geben Sie Dresden besondere Chancen auf diesem Gebiet nicht nur aus Sicht des Dresden-Fans Günter Blobel?
Ich sehe, dass die Stadt sehr gute Bedingungen entwickelt. Dresden sollte auf ein Gebiet der Bioforschung setzen und dafür investieren, auf dem ganz vorne mitgemischt werden kann, nämlich der Biologie zusammen mit Informatik.

Hat Deutschland mit, wie gezählt über 330 Biotechnik-Firmen, eine Chance weltweit in führender Position mitzumachen?
Das zu beantworten ist schwierig, denn die Forschung und Entwicklung hat in Deutschland erst spät angefangen. Es gibt noch großen Nachholbedarf.

Herr Professor Blobel, Sie sind den Dresdnern besser bekannt als Freund der Stadt, Gönner, großer Sponsor für den Aufbau der Frauenkirche, denn als Wissenschaftler. Mit Ihrem Vortrag sind Sie zum ersten mal auf Ihrem Fachgebiet an die breitere Öffentlichkeit getreten. Werden Sie das Fortsetzen?
Ja ich werde noch weitere Vorträge halten in Dresden; zu welchen Themen und wann ist noch nicht vereinbart.
Werden Sie, als mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Wissenschaftler, auch hier tätig werden, forschend und, oder beratend? Kommen Sie fest nach Dresden?
Nein, ich werde nicht von New York nach Dresden umziehen. Einmal, ich bin schon Fünfundsechzig. Es würde mir aber auch zuviel Zeit abziehen von den Jahren, die mir noch bleiben Wissenschaft zu betreiben. Ich werde aber oft nach Dresden kommen.

Unsere Schlussfrage. Das Herz ist des Menschen Zentralorgan. Kann man den Zellmechanismus als so etwas wie das Herz des Biokosmos nennen?
Vergleich mit dem Herzen? Ich weiß nicht? Der Mensch hat mehr Zentralorgane als nur das Herz. Die Zelle aber ist tatsächlich die zentrale Grundeinheit des Lebens, der Bakterien, Pflanzen, Tiere und des Menschen.

Herr Professor Blobel, wir danken für das Gespräch



lebhafter Günter Blobel bei der Eröffnung des Neumarkt-Informationspavillons, für den er 50.000 DM spendete, im Jahr 2001

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