Grassi-Museum-Leipzig

Drei in einem

Grassi23Für die kostbaren Sammlungen, von Bürgern und Ratsherrenschaft der wohlhabenden Messe- und Handelsstadt Leipzig zusammengetragen, brauchte es ein Museum. Einem ersten gründerzeitlichen Museumsbau folgte in den 1920er Jahren der neue Grassi-Museumskomplex, den angewachsenen Sammlungen einzigartig architektonisch angemessen in Größe und Stilform 'Neue Sachlichkeit/Art-deco'.

Das Grassi vereint die Museen für Angewandte Kunst, für Völkerkunde und für Musikinstrumente. Es wurde mit dem Sächsischen Museumspreis 2013 ausgezeichnet.

Veröffentlicht Sächsische Immobilienzeitung 5/2014, Seite 8

Grassi Venedig - Grassi Leipzig

      Nein. Wer nach einer Venedig-Reise meint Ausstellungen im Palazzo Grassi und Leipzigs ‚Grassi‘ stünden in Beziehung oder das Leipziger hätte zumindest venezianische Wurzeln, der liegt falsch. Der Name des Museum in Leipzig ist verbunden mit dem mäzenatischen Akt eines erfolgreichen, sehr wohlhabend gewordenen Leipziger Kaufmanns und Bankiers italienischer aber nicht venezianischer Herkunft. Franz Dominic Grassi hinterließ nach seinem Tod der Stadt sein riesiges Privatvermögen im Barwert von über zwei Millionen Goldmark, etwa 20 Millionen Euro heutiger Kaufkraft. Lediglich gebunden „sie auf Annehmlichkeiten und Verschönerungen unserer Stadt zu verwenden“, konnte die Leipziger Ratsherrenschafft die Hinterlassenschaft nutzen für den Bau eines neuen, eigenen Hauses für das gleicherweise von bürgerschaftlichen Initiativen getragene, schon 1874 gegründete Kunstgewerbemuseum. Nach Bauzeit von 1892 bis 1896 eröffnete im neuen, palastartigen Gründerzeit-Bau das Grassi-Museum für Völkerkunde und Kunstgewerbe. Zahlreiche Bürgersammlungen, Kunstwerke aus dem städtischen Raritätenkabinett, wesentliche Teile des Ratsschatzes wie auch bedeutende Privatsammlungen großer Mäzene und Kunstsammler, gingen als Stiftungen, Schenkungen oder Vermächtnisse in den Kernbestand des Museums ein. Im ‚Grassi‘ spiegelte sich von Beginn an das Selbstverständnis einer im Bildungsstreben, Sammelleidenschaft, öffentlichem Engagement tradierten Bürgerschaft der Stadt, die seinerzeit zu den reichsten deutschen Bürgerstädten gezählt werden konnte.

Schlossartiger Neubau
      Selbst während des Weltkrieges schwollen die Bestände an, nachdem auch das Musikinstrumenten-Museum und weitere Sammlungen hinzugekommen waren. Fünfzig Jahre nach seinem Entstehen, als zweites Kunstgewerbemuseum Deutschlands nach Berlin, platzte es aus allen Nähten. Schon 1916 legte das Leipziger Hochbauamt Pläne vor für einen Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Johhannis-Hospitals in der Leipziger Ostvorstadt. Viel später erst 1929 realisiert, entstand ein Gebäude, das einzigartig-homogen vom Kanon der Architekturperiode ‚Neue Sachlichkeit‘ geprägt ist. Zur unaufgeregten Grundhaltung der Baukörper fügt sich die Gestaltung der Fassaden und des Inneren in Plastizität und Dekor des Expressionismus und heiteren Spitzlichtern des Art Déco. Doch auch in seiner Dimension ist der Komplex von besonderer Art einer schlossartigen Anlage mit einem Eingangs- und einem weiteren Haupthof. Ecktreppentürme wie Wendelsteine in diesen verbinden Geschosse. Die niedrig gehaltenen, sich entlang der Straßen aufspreizenden Flügelbauten umfassen zwei weitere, kleinere Hofgärtchen. Nach außen sich präsentierend in rotem Rochlitzer Porphyrtuff, der zum Wiesengrün kontrastiert, ist zur Krönung des ‚Museumschlosses‘ dem Hauttrakt ein fontäneartiger Dachreiter aufgesetzt. Errichtet, in der zu jener Zeit aktuellen Bauweise der Stahlskelettkonstruktion, stellt der komplexe Bau eine nutzbare Fläche von über 27.000 Quadratmeter zur Verfügung „ … mit der das ‚Grassi‘ als solitärer Bau in Größe vergleichbar an die Berliner Museumsinsel und das Düsseldorfer Kunstmuseum Ehrenhof heranreicht“ – bis heute, so Olaf Thormann, stellvertretender Direktor des Grassi-Museum für Angewandte Kunst.

Die nun 'Drei Museen unter einem Dach'   Musikinstrumente, Kunstgewerbe und Design, Völkerkunde   konnten Wirkung entfalten in ihrem neuen ‚Grassi‘ mit seiner herausragenden, den Sammlungen adäquaten architektonischen Qualität. Gerade mal 10 Jahre währte ihre Entwicklung ungestört. Die ab Kriegsanfang 1939 beginnende Auslagerung zur Sicherung der Exponate und Einschränkungen brachten das Museumsgeschehen weitgehend zum erliegen. Bereits 1943 durch Bomben schwer getroffen und nochmals 1945 brannten die Häuser bis auf wenige Keller, völlig aus.

Nach dem Krieg bekannte sich die Stadt Leipzig zum Wiederaufbau seines ‚Grassi‘. Bald konnten in fünf der einst dreißig Schauräume wieder Ausstellungen gezeigt werden. Doch der Verfall von Provisorien und eine Havarie der Heizungsanlage beendeten 1982 wieder den begrenzt aufgenommenen Museumsbetrieb. Was von den kostbaren Sammlungen den Krieg überstanden hatte geriet ins von Jahr zu Jahr stärker gefährdete Schattendasein der Depots.

Umbau und Rekonstruktion nach 1989
     Perspektiven für die Wiedergeburt des Grassi-Museums in früherer Gestalt eröffneten sich erst dem mit dem Aufbruch nach 1989 und entscheidend durch den Übergang der Trägerschaft für die Völkerkunde- und indirekt auch die Musikinstrumentensammlung auf den Freistaat Sachsen. Gemeinsam von Land und Stadt flossen Baumittel in Höhe von 35 Millionen Euro, Freistaatanteil darin 19 Millionen. Eine Baukommission steuerte die Rekonstruktions-, Umbau-, und Modernisierungsmaßnahmen vom Jahr 2000 an bis weitgehend abgeschlossen 2005. Die Pfeilerhalle, die ihre Ausstrahlung aus Zacken, Dekor, Rot-Golden Farben des Art Déco zieht, wurde 2010 wiederhergestellt. Die Glasfester im Treppenhaus des Bauhäuslers Josef Albers konnten 2012 aus Mitteln der Sparkassenfonds rekonstruiert werden. Einrichtung und Aufbau der Dauerausstellungen schloss in Etappen an die Grundsanierung an.

Angewandte Kunst, Völkerkunde, Musikinstrumente
     Das ‚Museum für Angewandte Kunst der Stadt Leipzig‘ präsentiert heute seine angesammelten Schätze in drei Rundgängen: Antike bis Historismus, Asiatische Kunst, Jugendstil bis Gegenwart. Damit belegt die früher ‚Kunstgewerbe‘ bezeichnete Sammlung knapp die Hälfte der Museumsflächen. Auf einem weiteren Drittel sind im ‚Museum für Völkerkunde‘ Ethnien aus allen Teilen der Welt mit Exponaten präsent und didaktisch unterstützt in geschichtliche Zusammenhänge gestellt. Es ist den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zugeordnet, die es im Verbund mit den ethnografischen Sammlungen im Japanischen Palais Dresden und in Herrenhut betreiben. Im Restlichen ist das ‚Museum für Musikinstrumente‘ untergebracht mit einer eher konventionellen Ausstellung ihrer überaus reichhaltigen Sammlung. Dieses steht unter den Fittichen der Technischen Universität Leipzig, deren universitäre Forschung ihre Verbindung zum Klanglabor des Museums findet.

Auch das Museumsgebäude ist etwas ganz Besonderes, selbst als bedeutendes 'Exponat' zu betrachten. Herausragend in seiner architektonischen Qualität steht es für die wesentlichen künstlerischen Positionen der Moderne. „Der ganze Reichtum unseres Kontinents“ ist ausgebreitet im und mit dem "Grassi" – sensationell" titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Bericht nach Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Museums für Angewandte Kunst. Die Dauerausstellung des Völkerkunde-Museums einbeziehend muss es heißen „Reichtum der Welt …“. Von Jahr zu Jahr ansteigende Besucherzahlen, mit Ende des Jahres werden es 200.000 geworden sein, bestätigen: "Grassi ist höchste Klasse". (15. 12. 2014)

Sonderausstellungen: „Vornehmste Tischlerarbeiten aus Leipzig“ bis 12.4.2015

„Seide, Gold und Weisses Leinen“ bis 19.4.2015

„ungeheurer Appetit nach Frühstück und nach Leben“ 6.3. bis 31.5.2015.

www.grassimuseum.de