Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden

Gestik, Gesten, Show - für TV-Öffentlichkeit im ZDF

Silvesterkonzert2Technisch glamoröses Spiel des Pianisten Lang Lang in einem der meistgespielten Klavierkonzerte und Broadway-Hits der Fifties bis zu dreivierteltakt-Seligkeit des Dauerbrenners "Wunderbar, Wunderbar" waren das Programm für die Silvester-Öffentlichkeit der TV-Übertragung aus der Dresdner Semperoper durch das Zweite Deutsche Fernsehen ZDF. Mit einem ausgesprochen gelösten Chefdirigenten Christian Thielemann der zu seinem Dirigieren eine szenische Kuss-Einlage darbrachte. Und die Tricolore kam - nicht nur durch wechselnde Saalbeleuchtung - auch ins Spiel.

für Musik in Dresden, Kolumne

Kontraste Grieg - Gershwin, Bernstein, Porter, Hupfeld

      Es sollte swingen und grooven vor den Pulten, wo die Kapelle sonst mit Ernst und Gediegenheit Hochklassisches betreibt. Das Silvesterkonzert 2015 der Dresdner Staatskapelle in der Semperoper am Silvestervorabend den 30. und dann zu Silvester am Nachmittag des 31. vom ZDF live übertragen. Nun zum sechsten Mal am Silvesterpult, erlebten das Publikum und die Zuschauer am Bildschirm einen noch nie so locker gesehenen Kapell-Chefdirigenten Christian Thielemann. Nachdem gleich im ersten Solo die israelische Mezzosopranistin, Stargast Rinat Shahan – Typ Carmen – schmachtete, dass nur der Eine, nur Er „The Gipsy in me“ erwecke („Embraceable You“ aus »Girl Crazy« von George Gershwin), dazu noch „Come to mama, do ...“ circte, zog es Maestro Thielemann zum Tête-à-tête gar vom Pult …

      Doch der Reihe nach. Vorgestellt dem Programm der swingenden US-Melodien war der eher klassisch-ernste, Kapell-Ansprüche erfüllende Part des romantisch bezeichneten a-Moll Klavierkonzerts von Eduard Grieg. Mit der Geste des großen Medienpartners besorgte und bezahlte das ZDF dafür als Abendstar den Ausnahmepianisten Lang Lang, dessen Popularität beigetrug, dass 1,3 Millionen Zuschauer das Silvesterkonzert aus Dresden am Bildschirm verfolgten, was dem Fernsehsender eine Einschaltquote von 6,8 Prozent und der Semperoper einen unbezahlbar gigantischen Marketingeffekt bescherte. Während die Berliner Philharmoniker mit Geigerin Anne-Sophie Mutter und Noch-Chef Sir Simon Rattle bei ARTE zur gleichen Zeit nur 390 Tausend vor den Bildschirm holten.

      Für die TV-Öffentlichkeit waren auch Showwert der Darbietung mit Gestik und Gesten geboten und der kam nicht zu kurz. In seinem charakteristischen Beginn des Klavierkonzerts mit crescendierendem Paukenwirbel riss der Aufschlag des Pianisten dessen Linke so hoch, dass es ihn vom Sitz hob. Er dirigierte mit, taktete mit Füßen, Augenaufschlägen und Oh‘s, ließ den weniger beschäftigten linken Arm schwanenhalsgleich schweben, spiegelnd im Klavierlack des Flügels. Furios in der Technik, ein Spiel der Expressivität in Gestik mehr als des Ausdrucks, so passend zur gewollten Stimmung am Solitärabend des Jahres.

      Zum nachfolgenden swingenden Teil der Silvesterperformance gab es die - zugegeben dünne - Brücke nähmlich, dass der Amerikaner liebstes Klavierkonzert das von Eduard Grieg ist. Am Erfolg des Silvesterkonzerts 2013 mit Welthits aus Operette und Musicals der "Roaring Twenties" knüpfte Thielemann in diesem Jahr mit Nummern des New Yorker Broadways der „Goldenen Fünfziger“ an. Lyrics, Songs, Rhapsody, Overtüren von Leonard Bernstein, Cole Porter, Hermann Hupfeld und deren Vorläufer George Gershwin.

      So gab auch Bariton Lucas Meachem, Stargast aus Amerika, zu seiner Interpretation einen szenischen Auftritt, als er mit bewegender Solidaritätsgeste beim Song „I love Paris“ (aus »Can-Can« von Cole Porter) eine kleine französische Flagge aus der Einstecktuchtasche zog und an sein Herz drückte – offener Applaus und sicher ein paar Rührungstränen da und dort. Und als dann der unvergängliche Casablanca-Klassiker „As times go by“ (aus »Everybody’s Welcome« von Herman Hupfeld) den Mann in Thielemann zu einer weiteren Charmattacke mit Ausflug vom Pult verleitete, mal vorne mal hinten rum stets rechtshand dirigierend, war mit drei Tanzschrittchen im Arm der Shahan und Küsschen das Happyend einer offenen Bühnenaffaire besiegelt.

      Wie immer regnete zum großen Applaus am Ende Goldflitter von der Decke. Eine beschwingt musikalisch-sinnliche Vorstellung der Staatskapelle entließ ihr Publikum und die Zuschauer des Fernsehens in Sektlaune zum anschließenden Silvesterfeiern. Ein kleiner Kreis der Gäste konnte dies gleich im Hause, dem Rundfoyer der Semperoper tun. Dort hatte Sternekoch Stefan Hermann (Bean & Beluga) zur Silvester-Gala aufgetischt. 140 Betuchten war das je 375 Euro wert. Für die Konzertkarten - das Haus zweimal mit 1260 Plätzen ausverkauft - wurden 65 – 310 Euro ausgegeben. Tja, Silvester ist nur einmal im Jahr.
     
      Den Interims-Intendanten Wolfgang Rothe gefragt, was denn hängen bliebe für die Semperoper bei der Silvesterkooperation mit dem Partner ZDF: „Die Silvesterkonzerte der Sächsischen Staatskapelle Dresden verbinden eine glanzvolle künstlerische Leistung, die medial die Marken Staatskapelle Dresden und Semperoper stärkt, mit einem nicht unerheblichen wirtschaftlichen Deckungsbeitrag.“

Einen Mitschnitt und die Auskoppelung auf DVD des Labels Unitel Classica, wie sie von den ZDF-Silvesterkonzerten der vergangen Jahre zu haben ist, wird es von 2016 nicht geben; wohl wegen anderer vertraglichen Bindungen des Pianisten Lan Lang. (Bäu 4.1.2016)