Zehn Tage, die die Welt erschütterten - OktoberRevolution 1917

Oktjarb - Oktoberrevolution 1917

Oktober01Zum 100jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution haben die Dresdner Sinfoniker einen Stummfilmklassiker von Eisenstein und Alexandrow in der Dresdner Schauburg live untermalt. 

veröffentlicht Musik in Dresden, 11.11.2017, Feature

Revolution der Bolschewiki 1917

In die Stadt hallender Geschützdonner eines Böllerschusses des Kreuzers „Aurora“ ist das Signal. Massen bewaffneter Matrosen, Rotgardisten, Arbeiter, Bauern, stürmen auf die frühere Zarenresidenz in Petrograd zu. Furchtlos im Kugelhagel der Verteidiger erkämpfen sie die Kontrolle und errichten eine neue, ihre Regierung mit Lenin an der Spitze. So beginnt die 13 Minuten lange eindrucksvolle Filmsequenz der Erstürmung des Winterpalastes als dramatischer Klimax im filmischen Revolutionsmonument «Oktjabr – Zehn Tage, die die Welt erschütterten» von Sergej Eisenstein und Grigorij Alexandrow, UDSSR 1928.

      In Art eines kinematografischen Leporellos, reihen sich im legendären Stummfilmklassiker die Vielzahl, mit stehender Kamera aufgenommener, suggestiver, pathetisch überhöhter Bildarrangements aneinander. Von choreografierten Massen- wie Volkstanzszenen bis zur stehenden Aufnahme einzelner Gesichter - Ganz groß im Bild eine Patrone. Großartig das Ballet Tür auf-Tür zu, raus-rein der Rätegruppen ins Kabinett-Zimmer.  Insgesamt 116 Minuten lange expressionistische Wucht - avancierte Filmkunst pur. Die Autoren Eisenstein und Alexandrow Regie, hinter der Kamera Eduard Tissé. Sie nutzten neuartige Montagetechnik (Kuleschow-Effekt), drehten an Originalschauplätzen mit vielen der historischen Protagonisten nachinszenierte Geschehnisse im Oktober und November 1917. Die Geschichte im Film gestalten sie aus Sinn und Sicht ihrer Auftraggeber, wie der zur „Revolution“ hochstilisierte Putsch anlässlich des 10ten Jahrestages im Produktionsjahr des Filmes 1928 in der Sovietunion gesehen werden sollte.

Oktober02      Noch bis in die späten 60iger Jahre als Epos der Revolution gefeiert, ist „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ ein dramatisierter Propagandafilm der Bolschewiki über den Akt ihrer Machtübernahme, die in einen Staat mit einer neuen sozialen und ökonomischen Ordnung mündete - der Sowjetunion. Er verzerrt historisch Wahres, ergänzt mit nicht Gewesenem, zeichnet ein falsches Bild der Oktober-„Revolution“. Der Winterpalast musste nicht heroisch von Volksmassen erstürmt werden denn er war offen, es reichte ein Trupp roter Garden ihn zu besetzen. Der Menschewik Alexander Kerenski, Chef der provisorischen Regierung mit Sitz im Palast nach dem Sturz und der Vertreibung von Zar Nikolaus II. in der Februarrevolution 1917, war bereits geflohen, das Kabinett geblieben hilflos ausharrend. Der Soviet des Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, putschte sich gegen diese Regierung in einem viertägigen Gerangel mit Rätegruppen an die Macht, die Übernahme verlief weitgehend kampflos. Selbst die Datierung 25. Oktober ist insoweit irreführend, als dass die Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 nach Weltzeit (gregorianischer Kalender) stattfand – auf die Lenin sehr bald schon den alten Julianischen Kalender Russlands umstellten  ließ.

      Diesen Ereignissen vor 100 Jahren und ihren Folgen widmete das Dresdner Staatsschauspiel einen Themenabend mit Aufführungen auf allen drei Bühnen und dazu eben noch diese Aufführung des «Oktjabr» mit Live-Musik der Dresdner Sinfoniker im Filmtheater Schauburg in Zusammenarbeit mit dessen Chef  und Betreiber Stefan Ostertag. Auf die Leinwand kam die, aus einem einzig erhaltenen Fragment einer deutschen Fassung vom Filmmuseum München 2012 restaurierte, neue Digital-Ausgabe des Filmklassikers von 1928.

      Über die Genese der livemusikalischen Filmbegleitung erzählt Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker: „Die Ursprungsidee hatte Charlotte Orti von Havranek vom Staatsschauspiel Dresden. Sie fragte mich, ob wir Eisensteins Stummfilm «Oktober» mit der Musik von Edmund Meisel live begleiten könnten. Da mir der originale Soundtrack zu pathetisch erschien, schlug ich vor, eine neue Musik für diesen Abend erstellen zu lassen. Vorzugsweise live improvisiert durch Musiker, die im Jazz sowie in der zeitgenössischen Musik zu Hause sind und seit Jahren bei den Dresdner Sinfonikern spielen.

Der Keyboarder Rolf Zielke übernahm die musikalische Leitung. Er beschäftigte sich ausgiebig mit dem Film und erstellte Skizzen und Ideen, um die Improvisation zu führen. Ergänzt wurde er durch den E-Cellisten Stephan Braun, den Flötisten und Subkontrabassflötisten Sascha Friedl sowie den Drummer und Perkussionisten Heiko Jung - alles Musiker, die viel Erfahrung mit improvisierter Musik haben. Gemeinsam mit dem umfangreichen Instrumentarium war die kleine Bühne vor provisorischer Leinwand in der Schauburg damit gut gefüllt. Das Publikum erlebte an diesem Abend ein musikalisches Unikat, das nur in dieser Besetzung reproduzierbar wäre.“

     Jazzig groovend, „schlagfertig“ den Einschlägen im Filmgeschehen mitgehend, die Pathetik der Bilder abmildernd vertont, bekam das Publikum zum zum Genuss eines Filmkunstwerks ein Filmkonzert „live“ dazu - und das Uraufgeführt.

      Nochmals Markus Rindt, gefragt über Wiederaufführung: „Die vier Musiker noch einmal zusammen bringen zu können, würde mich sehr freuen. Anfragen haben wir aber noch nicht. Übrigens, es gibt einen Tonmitschnitt des Filmkonzertes, den wir demnächst auf unserer Homepage (www.dresdner-sinfoniker.de) veröffentlichen wollen.“
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100 Jahre Oktoberrevolution und 90 Jahre Schauburg. Ein Film über die größte gesellschaftliche Umwälzung des 20. Jahrhunderts. Aufgeführt mit Live-Musik im Provisorium des Kinosaals eines Filmtheaters im Umbau. So wird Eisensteins Parteinahme für die Revolution von 1917 mit Sicherheit nur einmal zu sehen und zu hören gewesen sein.

Weiter im Schauspielhaus Dresden: „Der Weg ins Leben“ nach Zeitzeugenberichten unter Verwendung von Dokumenten, Texten von Anton Makarenko u. a., nächste Aufführung 30.11.2017 19:30

Filmmuseum München: DVD Doppelpack „Panzerkreuzer Potemkin“ 1926 und „Oktjabr“ 1928, restaurierte mit Tonfassungen, Klavierauszug und Orchesterpartitur, dreisprachiges Boollet. 29,95 Euro

Themenabend in der Frauenkirche am 8.11.2017, Nikolaj Smirnow, St. Petersburg und Martin Sabrow, Potsdam: beide Vorträge