Musical Raoul Wallenberg

Holocaust Musical „Raoul“ in Bremen uraufgeführt

Raoul Wallenberg hat als Gegenspieler Adolf Eichmanns 1945 in Budapest Zehntausenden ungarischen Juden das Leben gerettet. Bis heute ist immer noch nicht aufgeklärt, wie und warum der Schwede 1947 in einem Moskauer Gefängnis starb.

Die Theater Bremen brachten die heldische Tat des Judenretters Raoul Wallenbergs in einer Weltpremiere am 21. Februar 2008 als Musiktheaterproduktion "Raoul" auf die Bühne. Musik Gershon Kingsley, Libretto Michael Kunze. (Bäu)

Jetzt zu 100. Jährung seiner Geburt am 4. August 1912, gibt es weitere Theaterproduktionen: am New Yorker Broadway als ein weiteres Musical "Wallenberg" mit der Musik von Benjamin Rosenbluth. Das Badische Staatstheater in Karlsruhe führt die Oper "Wallenberg" des Esten Erkki-Sven Tüür auf. (dpa)

für Dresdner Neueste Nachrichten 2.2008

Medaon 2.2008

Hauptperson ist der Chor - Uraufführung der Oper "Raoul" von Gershon Kingsley und Michael Kunze am Theater Bremen

(10.04.2008 Bäu) Es ist schwer, Geschehen des Holocaust im Irrsinn des Zweiten Weltkrieges auf unterhaltsame Weise, dabei aber anschaulich und dokumentargemäß, darzubieten. Doch der Musiktheaterproduktion ‚Raoul’, die als Weltpremiere in Bremen auf die Bühne kam, gelingt das eindrucksvoll. Musik Gershon Kingsley, Libretto Michael Kunze

      Der Schwede Raoul Wallenberg reist aus eigener Initiative nach Budapest, wo Adolf Eichmann dabei ist, die Juden Ungarns zusammenzutreiben und in Vernichtungslager tranportieren zu lassen. Durch bürokratische Tricks, verwirrende Taktiken und den Einsatz gefälschter Papiere gelingt ihm Unglaubliches. Er kann beinahe eine Million Menschen vor dem sicheren Tod retten. (Michael Kunze)


       Es geht in dem Stück um die unglaubliche, doch historisch belegte Geschichte des jungen schwedischen Kaufmanns Raoul Wallenberg, der nicht untätig hinnehmen wollte, was im Vernichtungstoben der Judenverfolgung geschah, nicht akzeptierte, dass nichts getan werden könne, um das Schlachten zu verhindern. Selbstlos und von sich allein begann er Rettungsaktionen in Budapest. Nach dem Ende der Horror-Regime waren es mehr als 100.000 jüdische Kinder, Frauen, Männer, die Wallenberg gerettet hatte. Verraten, in die Sowjetunion verschleppt, verlor sich seine Spur 1947 - so still wie er 1944 gekommen war.

       Diesem tragischen Thema beizukommen, hat der Librettist Michael Kunze die Form der Oper gewählt. Das Erfolgstück ‚Elisabeth’ des Musical-Papstes deutscher Sprache lief fünf Jahre lang am Theater an der Wien. Er ist international bekannt als Schriftsteller, Dramatiker, Liedtexter und Librettist. Ausdrücklich als Oper möchte er sein jüngstes Werk ‚Raoul’ bezeichnet sehen - wie auch der der Komponist - wenn auch in Form und Stil Elemente des dramatischen Musicals, passagenweisen Sprechtheaters und die eines Oratoriums aufscheinen. Dem heute 85-jährigen Deutsch-Amerikaners und Israeli Gershon Kingsley gelang mit seiner kompositorischen Erfahrung in verschiedenen Genres, dem spannungsvollen Text kongenial zu vertonen. Anhaltend packend bis zum letzten Takt ist der dramatische Inhalt in Tönen vitalisiert. Kinsley beschreibt seine Musik selbst als „zwischen den Stühlen“. So lebt auch ‚Raoul’ von Überschreitungen und Stilmischung zwischen den Formen, am nahesten dem Musical. Es gelangen Kinsley dabei lyrische und sehr kantable Duette, groteske Tanzpassagen und melodiös-melancholische Gesänge. Die englisch gesungenen und gesprochenen Texte sind mit knappen Inhaltszusammenfassungen in Übertitel-Projektion zu lesen. Das reicht zum Verständnis, aber nicht dem des Englisch nicht mächtigen, der den differenzierten Handlungstexten folgen will. Für eine weitere Verbreitung der Oper im deutschsprachigen Raum ist die Übersetzung dringend zu empfehlen.

       Kunze orientiert seinen Handlungsfaden in ‚Raoul’ linear an der Biografie Wallenbergs. Nur als Klammer um das Stück erklärt die Figur des Josip Stalin schon zu Beginn des Spiels das Ende von Raoul Wallenberg. Dramaturgisch ist der Chor als Hauptakteur über die ganzen zwei Stunden Spiellänge gesetzt. Als tote Untote, unpersonalisierte Opfer des Holocaust, tragen die Chorsänger die gesamte Handlungslinie von der Berufssuche des jungen Wallenberg bis zur Verhaftung und seinem Verschwinden nach dem Krieg. Einzelne der Figuren oder Gruppen, wie die Geliebte Wallenbergs Jeanette, Stalin, Churchill, Eichmann, Soldaten, Offiziere treten im Lauf der Handlung aus dem Chor heraus und wieder in seine Reihen zurück. Nur drei Rollen sind solistisch besetzt. Die des Protagonisten sowie Rachel und Serge, ein Paar mit dem einzigen hier individualisierten Verfolgtenschicksal - Nottrauung im Getto, gewaltsame Trennung, Selbstaufopferung von Serge bei einer Rettungsaktion. Dieses Spiel – intensiv im sich Zuneigen und Verlieren - während des ganzen Stücks auf einer eigenen Ebene, einer Art Terrasse hoch über der Bühne, hebt deren Handlungsstrang nicht zwischen sondern vor das Hauptgeschehen und lenkt so ab; was der Rezensent als Regieschwäche der Inszenierung sieht. Doch gelang der jungen Regisseurin Julia Haebler im Gesamten eine zum Sujet äußerst stringente, in Wirkung hervorragende Inszenierung. Sie hat ihre Kraft vor allem in der handlungsbezogenen Chorführung sowohl als Kulisse hinter dem Handlungsspiel der einzelnen Figuren als auch bei den Spielaktionen des Chors selbst. Dessen Choreografie und Regie, zu nennen Jaqueline Davenport, führt den Chor ideenreich in nahezu permanenter Bewegung, aus der sich einzelne Soloauftritte herauslösen. Es gelingen eindrucksvolle, berührende Szenen, viele voll Ironie und Witz welche funkelnde Kompositionen ins Optische umsetzen. Wie etwa in der Szene Adolf Eichmann, der als Hundeführer - Bellen ist intoniert - seine Schergen mit einem verwirrten Hundeleinengeschirr führt. Die hervortretenden Solofiguren maskieren sich selbst sparsam-originell. Mal ein rotes Einstecktuch, angesteckte Epauletten, die Churchill-Zigarre, ein roter Tschako für Stalin oder SS-Helme der Soldaten - nicht mehr der Requisite. Farbig sehr stimmig sind alle Personen des Chors gleich erdig-beige kostümiert. In Socken agieren sie, denn ihre Schuhe, hingefegt zum vorderen Bühnenrand, symbolisieren Sterben und Tod. Es werden während des Stücks immer mehr - bedrückend, wenn solche von Kindern dazu kommen. Die Bühne von Monika Gora und die Kostümausstattung von Ildikó Debreczeni überzeugen durch reduziert aber klare Konzeption.

       Unzweifelhaft ist der Chor die ‚Hauptperson’ dieser Oper. Chor und Kinderchor der ‚Theater Bremen‘, im Zusammenspiel bis 30 Personen, überzeugen im Ensemblespiel. Sie faszinieren mit stimmlicher und darstellerischer Qualität der Einzelnen, die für Soloauftritte aus dem Ensemble treten. Von den einzig drei solo besetzten Rollen ist das Liebespaar Rachel/Serge mit der Sopranistin Karin Neubauer und in sonorer Basslage Alberto Albarran besetzt. Sehr überzeugt hat in der Premierenvorstellung Tenor Alexej Kosarev, in der Rolle des Wallenberg, die darstellerisch und emotional überaus anstrengend und vokal fordernd ist. Kosarev wechselt mit Wolfgang von Borries, der vom Typ her Wallenberg noch besser entspricht. Die Bremer Philharmoniker, sichtbar hinter der Bühne postiert, brachten unter der Gesamtleitung von Tarmo Vaask das farbig-rhythmische Orchesterwerk in bester Tempoanpassung mit dem Sängerspiel und den Chorbewegungen zu einer überzeugenden Gesamtwirkung.

       Anhaltender Applaus bei den beiden Premierenabenden und folgend begeisterte Beurteilungen lassen ‚Raoul’ anhaltenden Publikumserfolg in Bremen erwarten und der Oper die Übernahme an andere Häuser wünschen. Auch für eine gute Hand des als Generalintendant an die Theater der Freien Hansestadt Bremen GmbH von Dresden weggeholten Hans-Joachim Frey und seines Dramaturgen Hans-Georg Wegner, gleichfalls aus Dresden, spricht der Erfolg dieser fünften Opernpremiere der ersten Saison, die Frey zu verantworten hat.

Peter Bäumler