Anliegen

Dresden am Scheideweg

Gespalten zwischen dem asylkritischen, demokratiefeindlichen Bündnis PEGIDA und einer Bürgerschaft, die für Weltoffenheit auf die Straße geht

Pegida1Führen "Lügenpresse", Mediendiffamierung, Politikerbeschimpfung, Galgensymbolik, Hetzjagd auf Journalisten zum Scheiterhaufen unserer freiheitlich-demokratischen Grundwerte?  "Bücherverbrennung", das hatten wir schon einmal. Die Autoren MATTHIAS LIENERT und PETER BÄUMLER spüren Ähnlichkeiten und Unterschieden nach.


für Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.7.2015

Zwiespalt

      Brennende Asylantenheime um Dresden, in Meißen, Freital, Dippoldiswalde und Bürgerproteste vor allem von rechts auf der einen und verschreckt spät reagierende Politiker sowie couragierte Bürger, exponierte Intelligenz aus Wissenschaft, Kultur, Kirche die für ein „Weltoffenes Dresden“ demonstrieren, auf der anderen Seite. Sie senden entgegengesetzte Signale in ein Europa, das zunehmend zerrissen ist von der Frage des Umgangs mit Flüchtlingsströmen. Wirklich bedauerlich ist, dass gerade das Dresdner Bürgertum, seit 1990 eine interessante Mischung von Ost und West, den Eindruck von Sprachlosigkeit vermittelt. Diese Sprachlosigkeit hat Tradition Wie umgehen mit PEGIDA? Diese Frage wird von den Demokraten höchst gegensätzlich beantwortet. Dabei verstehen es intelligente Trittbrettfahrer von Rechtsaußen, unzufriedene, von der Krise verunsicherte, „Überfremdung“ fürchtende verängstigte Bürger gemeinsam mit waschechten Rechtsradikalen in einer Gruppierung zu sammeln, die sich zu einer Partei formieren will. So strebt PEGIDA nach politischer Macht. Konkurrenz belebt das Geschäft auch des rechten Randes der Gesellschaft, wie sich schon 1933 zeigte. Verlierer und Gewinner der damaligen Protagonisten sind bekannt. In die Zukunft kann man nicht blicken. Auch Bernd Lucke, Professor für Makroökonomie, hat in seiner AfD hoch gepokert und hoch verloren, dabei aber das Feld bereitet für Leute, die ein anderes Deutschland wollen.

Ein anderes Deutschland ...
      wollte auch ein rundes Dutzend Dresdner Professoren, die im Juli 1932 bereits einen Aufruf deutscher Hochschullehrer mit unterschrieben, der die Machtübertragung an die Nationalsozialisten forderte. Zu ihnen gehörte Alfred Baeumler. Als der umtriebige Dresdner Ordinarius für Philosophie und Pädagogik Anfang 1933 den Ruf der reichshauptstädtischen Universität angenommen hatte und nun auf deren neugeschaffenen Lehrstuhl für Politische Pädagogik saß und sich zu einem der einflussreichsten akademischen  Sprecher unter dem Hakenkreuz mauserte, standen auch in Dresden die Zeichen auf Demokratieabbau und Diktatur. Zwar regierte noch Walther Schieck von der Deutschen Volkspartei als kommissarischer Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, aber schon bald jagten die neuen Machthaber mit ihrem Gauleiter Martin Mutschmann an der Spitze ihn und sein Kabinett aus dem Amt. Die intellektuelle Elite der Stadt stimmte zu oder tolerierte. Wider den Stachel löckten die Wenigsten, wie die Ministerialräte für Hochschulangelegenheiten im sächsischen Volksbildungsministerium Emil Menke-Glückert und Robert Ulich, der in die USA emigrierte. Die Hochschulen und kulturellen Institutionen, allen voran die renommierte Technische Hochschule Dresden mit ihrem internationalen Ruf, passten sich rasch der neuen Situation durch Selbstgleichschaltung an. Eine Mehrheit der Studierenden war bereits seit 1932 Parteigänger der Nationalsozialisten. Von den Professoren lehnten die meisten so oder so die Republik ab. Die sie verteidigten, für sie eintraten und alle, die jüdischer Herkunft waren, wurden in den zwangsweisen, zunächst durchaus auskömmlichen Ruhestand versetzt. Anfänglich fand selbst der Emeritus der Dresdner Technischen Hochschule und berühmte Bauhistoriker mit jüdischen Wurzeln Cornelius Gurlitt die Nationalsozialisten gar nicht so übel, erst deren Praxis belehrte ihn eines Besseren. Die Minderheit der offensichtlichen Verlierer in der Wissenschafts- und Kulturszene Dresdens hoffte noch in den ersten Monaten nach der Machtübertragung auf ein Abwirtschaften oder gar Einlenken der Nazis, was sich schon bald als illusorisch, wenn nicht tödlich insbesondere für die jüdischen Mitbürger, erwies. Victor Klemperer, Romanist der geisteswissenschaftlichen Fächer an der TU Dresden, beschreibt das heraufkommende Elend in seinen „Tagebücher 1933 bis 1945“, überlebt und analysiert die Entwicklung 1946 in seiner „LTI – Lingua Tertii Imperii“.

      Die meisten Geistesarbeiter in den Hochschulen, Theatern und Konzertsälen passten sich der neuen Zeit an. Ihre pseudowissenschaftlichen verbalen und schriftlichen Einlassungen für einen totalitären Staat, der gefälligst für Ordnung und Reinheit - vor allem des Blutes - zu sorgen hat, verfehlten ihre fatale Wirkung nicht. Ebenso richtete das wesentlich von der Technischen Hochschule und der sächsischen Industrie getragene Mitteleuropa-Institut seine Veranstaltungen am Nationalsozialismus aus. Die 1921 von Industriellen, Bankern, Wissenschaftlern und Politikern gegründete “Gesellschaft von Förderern und Freunden der TH Dresden e.V.“ trennte sich schon 1932 von einigen ihrer wichtigsten Geldgeber, wie den Familien Arnholds und den von Klemperers.

Bis die Bücher brannten
      „Wir übergeben dem Feuer …“ begann schon am 7. März 1933 in Dresden, verbal unterstützt bis mitmachend von Intellektuellen wie Alfred Baeumler und mit ihm einem Großteil des Dresdner akademischen Mittelstandes. Deutschlandweit folgten dem Dresdener Vorbild Bücherverbrennungen in siebzig Städten, mit der großinszeniert fanalhaften am Mai 1933 am Berliner Opernplatz. Die Lunten waren gelegt für Synagogenbrand und das Europa zerstörende Kriegsfeuer.

Es war eine Anpassung oder Unterwerfung der Eliten ohnegleichen. Michel Houellebecq geißelt in seiner gleichnamigen Satire ganz bewusst „die Abhängigkeit des individualistischen, auf sich selbst bedachten Intellektuellen, der, gefangen in einem zur Hohlheit verkommenem Wertekanon, nur der Erfüllung seiner momentanen Lebensbedürfnisse hinterherjagt - von facettenreicher sexueller Befriedigung über oberflächlichen akademischen Erfolg bis hin zu den materiellen Basics der modernen Welt. Der Protagonist unterwirft sich als Intellektueller nach einigem Zaudern einer Diktatur, die diametral seinen Wertvorstellungen entgegensteht.“

Unterschied
      Heute stimmt es hoffnungsvoll, dass in Dresden Universität und die anderen wissenschaftlichen Einrichtungen, die vielen Forschungsinstitutionen sowie die in Dresden reiche Welt der Kultur und Künste - wenn auch die Semperoper etwas zögerlich – sich für ein weltoffenes und buntes Dresden artikulieren und aktiv einsetzen. International ausgewiesene Persönlichkeiten wie der Dresdner Mediziner Erhard Ehninger und der am 26. Juli, nur wenige Monate nach seiner Emeritierung, verstorbene Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach haben gemeinsam mit vielen weltoffenen Dresdnern, darunter einer zahlenmäßig großen Gruppe von Studierenden, dafür gesorgt, dass Dresden nach den Winterumzügen der Pegida nicht allein als weltabgewandte dunkle Provinz im Osten wahrgenommen wird. Helma Orosz, die demissionierte Oberbürgermeisterin hat sich in flammender Rede gegen die hochkommende Fremdenphobie gewandt „Dresden ist ein Ort, der von Zuwanderung lebt.“ Die Zukunftssicht des selbstverliebten Dresden, in dem modernste Lebenswelt mit Geschichtsorientierung nostalgisch auf ganz eigene Weise zusammentreffen, ist von besonderer Unsicherheit geprägt.

      Manches davon fand sich schon in der großen Krise Anfang der 1930er-Jahre. Im Unterschied zu damals haben wir jetzt eine stabile Demokratie und Wohlstand, ergo stabile Verhältnisse. Ist das aber wirklich so? Fühlen sich nicht viele ausgegrenzt von den offensichtlichen doch manchmal aufgebauschten Erfolgen, belastet mit künstlich erzeugter Hetzerei im Alltag und Selbstausbeutung? Viele fühlen sich im „Land der Ingenieure“ von den komplexen sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen überfordert.

Zukunftsängste ...
      entstehen, wenn hoch geförderte „Leuchttürme“ wie jüngst der Chiphersteller Globalfoundries, die Entlassung von Hunderten Angestellten in Aussicht stellen. Schon spricht der Selfmade-Milliardär Peter Thiel aus dem Technologieeldorado Silicon Valley von einer Wissenschaftsblase, deren Platzen auch nur eine Frage der Zeit sei. Das wäre wohl eine existentielle Herausforderung für das eher unentschiedene und zurückgezogene Dresdner Bürgertum, das sich - von rühmlichen Ausnahmen abgesehen – bei offensichtlich aggressiven Angriffen auf die freiheitliche Bürgergesellschaft mit eindeutigen Bekenntnissen eher schwer tut und traditionell den vergangenen Glanzzeiten der Königlich-Sächsischen Residenz nachtrauert.

      So reißt zu Recht die Kritik an der Politik nicht ab, die zu zögerlich und erst unter dem Druck der harten Tatsachen handelt. Positiv stimmt die zunehmende Solidarität aus einem Teil der Bürgerschaft, insbesondere auch unter den Dresdner Studierenden. Dass ganz aktuell die Universität ihre Sporthallen als Notunterkünfte für Asylanten zur Verfügung stellt, macht abermals deutlich, dass die Technische Universität Dresden und die anderen Dresdner Hochschulen ihrer Verantwortung nachkommen und dass sie aus den Lektionen der Geschichte gelernt haben. (31.7.2015 Bäu, Lien)

Dresden steht am Scheideweg