Synagoge Dresden

Weihe am 9. November 2001 - Neue Synagoge nach weniger als eineinhalbjähriger Bauzeit fertiggestellt

(Bäu 09.11.2001) am 22. Oktober 1997 entschied sich die Jüdische Gemeinde zu Dresden überraschend für den Entwurf der im Architekturwettbewerb um das Synagogenprojekt drittplatzierten Architektengruppe. Von den Architekten Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch aus Saarbrücken eingereicht, stand dieser Entwurf als Dritter, vor diesem Zuschlag eher abseits der in Dresden üblich vehementen Architekturdiskussion.
Über Entwicklung und das Konzept der erfolgreichen Architekturidee sprach die Sächsische Zeitung mit Professor Wolfgang Lorch, einem der Architekten und der Projektzuständige des Teams. Das Interview führte Peter Bäumler.

Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde haben mit einstimmigen Votum Ihren Entwurf den anderen, besser platzierten, vorgezogen. Was war Ihre besondere, den Bauherren überzeugende Architekturidee?

      Die Grundidee unseres Entwurfes interpretiert den Ort an sich und seine Geschichte. Das Thema Synagoge an dieser Stelle haben wir auf die zwei architektonischen Grunderfahrungen des Judentums, auf Tempel und Zelt, bezogen. Diese beiden Motive sind eigentlich zwei Metapher, die einmal für das Dauerhafte, den Tempel und zum anderen für das Fragile, das eher Ephemere des Zeltes, dem Stiftszelt, stehen.

Wir sind auf den Ort eingegangen, indem wir verschiedene Dinge aufgegriffen haben: Einmal ist an dieser Stelle die Schnittstelle zwischen der historischen, alten Stadt und großteiliger neuer Stadt, wie sie elbaufwärts nach dem Krieg mit Plattenbauten erstanden ist. Wir haben uns auf diesen Bruch bezogen. Aber der historische Ort ist auch eine topografisch schwierige Stelle der Stadt. Wir mussten uns mit dem Terrassenthema Visavis zur Brühl’schen Terrasse auseinander setzen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir mit der Geometrie des Grundstückes eine starke Friktion hatten, denn wir wollten und sollten den eigentlichen Sakralraum nach Osten ausrichten.

Und stadträumlich gesehen, entwickelten wir zwei, ja eigentlich drei Baukörper. Zur Elbe hingewandt den Bau der Synagoge, zur Stadt hingewandt das Gemeindehaus. Die beiden voneinander sind getrennt und wiederum verbunden mit einem gemeinsamen Hof, der das Terrassenthema und auch den Höhensprung in sich ausbildet.
 

Sieht man die Ostung von außen?

      Alle Weltkirchen geben ihren Gebetsstätten die symbolische Orientierung nach Jerusalem. In der unteren Ebene, im Erdgeschossbereich unseres Synagogenbaus, ist die gegebene Grundstücksgeometrie aufgenommen, es ist ja eine Bebauung bis an den Rand.

Nach oben hin ist das Gebäude in Richtung Osten leicht gedreht. Dazu entwickelten wir die spezifische Form dieses Sakralbaues, seine verdrehte Form aus orthogonalen Rahmen. Von der oberen Raumdecke hängt sich im Inneren ein Zelt, aus Metallfäden gewoben, ab und das ist wiederum das Gehäuse des Sakralraumes, womit dieser präzise nach Osten ausgerichtet ist.
 

Worauf führen Sie die Drittplatzierung Ihres Entwurfs durch das Fachgremium der Wettbewerbsjury zurück?

      Einmal hatten wir ein sehr abstraktes Konzept. Im Anschluss an den Wettbewerb gab es eine Überarbeitung und wir wurden gebeten, zu bestimmten Fragen Stellung zu nehmen. Dabei kam die Jüdische Gemeinde Dresden zur Auffassung, dass unsere Ideen dem Ort und der Geschichte am ehesten gerecht werden. An die Geschichte sollte eben nicht mit einer Rekonstruktion – das war eine Grundvorgabe der Gemeinde - an die alte Synagoge angeknüpft werden. Gleichwohl war unser Entwurf unter allen Einsendungen der Einzige, der die alte Synagoge sichtbar gemacht macht und die Geschichte thematisiert. Zwischen dem Gemeindehaus und der Synagoge haben wir durch einen Belagswechsel den nicht überbauten Grundriss der alten Synagoge sichtbar gemacht. Wir haben ihn durch Glasssplitt, der für die Verwüstungen der sogenannten „Reichskristallnacht“ steht, abgesetzt von dem restlichen Belag. Auch nimmt der Synagogenhof ein Architekturthema auf, das zwischen der Dresdner Brühlschen Terrasse und dem sächsischen Landtag spielt: Wir pflanzen Bäume auch dort, 16 Platanen, die eine Art grünes Dach bilden werden, im Vorbereich zum eigentlichen Synagogen-Tempel, in den man auch hineinblicken kann über ein gläsernes Tor.
 

Schlägt auch ihr Herz als Stadtplaner für den gebauten massiven Würfel in Kontrast zur historischen Bebauung?

     Schon die alte Synagoge hat oberhalb des Bärenzwingers einen Abschluss der Brühlschen Terrasse gebildet. Die neuen Bauten stehen Silhouette bildend am Ende der Elbansicht zwischen Augustus- und Carolabrücke, wenn man über die Carolabrücke kommt. Gleichfalls bilden sie eine markante Eingangssituation zur Akademiestraße zwischen dem neuen Gemeindehaus und der Landeszentralbank. Zum weiteren Argument „massiver Würfel“: beide Häuser haben einen unterschiedlichen Charakter. Der Sakralbau Synagoge ist stark in sich gekehrt, ein hermetischer Körper. Ganz in Gegensatz dazu ist das Gemeindehaus und der Zwischenhof auf maximale Weise in den Raum zur Elbe hin geöffnet. Insofern hat das Ensemble keinesfalls einen massiven monolithischen Charakter.
 

Zwei goldene Davissterne krönten den Semperschen Synagogenbau seit 1840, der eine davon die Übergangssynagoge seit 1950. Wir sehen keinen Davidstern über Ihrem Bau?

     Der Bau, im Sinn seiner Konstruktion ist ja selbst schon Symbol. In einem Architrav über dem Portal steht die alte Losung in Hebräisch „Mein Haus werde genannt ein Haus der Andacht aller Völker“. Das ist als weiteres Symbol übernommen von der alten Synagoge. Darüber ist der gerettete Davidstern angebracht. Denn das ist eine ganz wichtige Geschichte. Für den, der das historische Foto kennt, der Abnahme des Davidsterns von der brennenden Synagoge durch den Dresdner Feuerwehrmann Alfred Neugebauer. Über dem Haupteingang hat dieser Davidstern nun seinen Ehrenplatz.
 

Zyklopischer massiver Klotz aus Steinen, Fenster wie Schießscharten; haben Sicherheitsaspekte dabei mitgewirkt?

     Nein. Wir haben mit den Formsteinen mit natürlichem Zuschlag aus Sandsteinkorn keinen neuen Baustoff, sondern das Material das vor Ort war, wieder eingesetzt. Die Synagoge aus massiven Steinen ist kein Block, sondern ein Bauwerk, das im wechselnd darauffallenden Licht seine ganz spezifische Textur durch die Verdrehung erhält. Und der Innenraum erhält sein Belichtung von oben.

Die Außenfenster am Gemeindehaus sind in Größe nach dem Maß geformt und eingeordnet wie es sich aus dem Steinmaß von 60 mal 120 Zentimeter ergibt. Und das Haus hat dazu noch diese maximale Offenheit wie sie überhaupt möglich ist, mit Glasfassade zum Hof hin, dem Übergangsbereich zur Synagoge.

Also, Klotz und Schießscharten: nein, das nicht. Weiter möchte ich nicht auf diese Art von Kritik eingehen.
 

Konnten Sie mit „sandsteinvoll“ auch alle anderen Wünsche der Bauherren und dabei Ihre Ideen erfüllen?

     Die Baukosten von damals 102.000 Mark der alten Synagoge von 1840 würden heute nach Kaufkraft gerechnet etwa 30 Millionen Mark (15 Millionen Euro) entsprechen. Wir hatten ein kleineres Budget für die reinen Baukosten zur Verfügung, doch ausreichend, um die Ideen umzusetzen. Mit 21,5 Millionen (11 Millionen Euro) Gesamtkosten einschließlich der Umfeldbereinigung konnten wir das bauen, was wir der Gemeinde vorgeschlagen hatten.

Wie öffnet sich die Anlage der Öffentlichkeit?

     Wir haben eine Zweiteilung des Komplexes um den Hof, den wir als halböffentlich bezeichnen. Dort ist auch der Gedenkort mit Spolien zu Kenntlichmachung der Alten Synagoge. Zusätzlich zur Bodenkennzeichnung des früheren Synagogengrundrisses, haben wir Fundamentreste in die Wand vermauert und in der Mauer ist eine Gedenkinschrift eingelassen. Das ist alles zugänglich. Und auch das Gemeindehaus, welches sich zum Hof mit einer gläsernen Front, komplett öffnet. Im Ermessen der Gemeinde wird es liegen, wie man in den Sakralraum hereinblicken kann und wie er über Führungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Da werden Sicherheitsaspekte mitspielen. Gleichwohl, gab es ja gleich nach der Einweihung auch einen Tag der offenen Tür, der die Chance bietet, dieses Haus an einer so stadtwichtigen Stelle zu besichtigen.
 

Schlussfrage … bitte, das Schlusswort formuliere ich ohne Frage selbst: Mit dem 9. November 2001 ist die Jüdische Gemeinde an diesen öffentlichen, ihr angestammten Ort zurückgekehrt. Neben der Rekonstruktion der Frauenkirche sind mit dem Neubau der Synagoge wichtige Stadtstellen wiederbesetzt. Über einhundert Jahre war am Dresden Hasenberg der Ort jüdischen Lebens. Ich denke es ist eine gute Art von Selbstverständnis der Gemeinde, mit diesem ersten Synagogenneubau in den Neuen Bundesländern, eine sehr öffentliche Stelle in Dresden wieder in Besitz zu nehmen. (Bäu 9.11.2001)