Paulinum Leipzig

Paulinum mit 117 Milionen Euro vollendet

Paulinum04Wie Universitäts-Aula mit der Universitäts-Kirche zusammen passen und der Bau dem Universitäts-Campus zum Augustusplatz Tor und Gesicht gibt: Gut und schön gelungen. Heute feierliche Eröffnung (Bäu 1.12.2017 Eröffnung)

Das ließ den Paulinum-Bau zu einem der schwierigsten und umstrittensten Bauvorhaben des Freistaates werden: Die Universität verlangte eine universell nutzbare Aula und wollte dafür einen modernen Neubau. Der bürgerschaftliche Pauliner-Verein kämpfte für eine originalgetreue Rekonstruktion der Kirche. (Bäu 14.9.2017 Baufreigabe)

veröffentlicht Sächsische Immobilienzeitung 4/2017, Seite 1 und 4

Kirche und Aula auf dem Campus

Aah ! auslösend empfängt ein gotisch hoher Kathedralraum mit hängenden, bizarr unten abgeschnittenen Säulenstummeln, die erstmals Betretenden. Und das waren in den letzten Augusttagen 2017 die Gäste der Feier zur Bauübergabe und an einem offenen Tag viele Leipziger. Mit der Fertigstellung auch Innen des stadtbildprägenden Neubaus „Paulinum – Aula und evangelische Universitätskirche St. Pauli“ ist der Universitätscampus-Campus am Leipziger Augustusplatz jetzt vollendet.

      4,75 Milliarden Euro hat der Freistaat für Universitätsbauten seit 1991 in Sachsen investiert; 1,78 Milliarden davon für die Universität Leipzig. Die Neu- und Ausbauten der Universität für ihren Campus in historischen Lage inmitten der Stadt sind mit 255 Millionen nach dem Dresdner Schloss das größte Bauprojekt Sachsens seit 1990. Schlüsselobjekt dabei ist ein Neubau auf der Grundfläche und anstelle der aus einer ehemaligen Dominikaner-Klosterkirche hervorgegangenen St. Pauli-Kirche, die 1545 von Martin Luther selbst zur Universitätskirche umgeweiht worden war. Die im Bombenkrieg nahezu unversehrt Gebliebene fiel dem ideologischen Sprengwüten des DDR Staatschefs Walter Ulbricht 1968 zum Opfer. Der Ort wurde dann eiligst in den 70er Jahren mit neuen Gebäuden für die Karl-Marx Universität überbaut um sie aus dem Stadtgedächtnis vergehen zu lassen.

      Nach der Wende artikulierte sich sogleich Der Bürgerwunsch die sozialistische Universitätsbauten an dieser Stelle durch einen Wiederaufbau der Universitätskirche zu ersetzen. Schon bei den Vorbereitungen für die Planung des Campus begann ein äußerstes Ringen um das Wie und Wofür. Das ließ den Paulinum-Bau zu einem der schwierigsten und umstrittensten Bauvorhaben des Freistaates werden. Die Universität verlangte eine universell nutzbare Aula und wollte dafür einen modernen Neubau. Der bürgerschaftliche Pauliner-Verein kämpfte für eine originalgetreue Rekonstruktion der Kirche.

     Ein Architekturwettbewerb sollte die Entscheidung bringen, kochte aber mit einem modernen Entwurf die Wogen noch höher. Der Wettbewerb wurde verworfen auf ein Machtwort des sächsischen Parlamentspräsidenten hin. Ein zweiter wurde ausgelobt. Dessen preisausgezeichnetes Ergebnis durchschlug den Knoten dann in 2004 - wenn auch für die der Realisierung nicht gänzlich unumstritten. Der Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Egeraat nimmt expressiv interpretierend die breitflächige Giebelform des historischen Bauwerks mit einer Stahlskelett/Glas/Stein-Fassade auf. Das hohe gotische Portal und darüber die exzentrisch gesetzte Rosette als Spolien muten an, hier war, hier ist eine Kirche. Was der portallosen Gesamtfassade des Campus hin zum Augustusplatz die Dominante setzt. Im Inneren bringt Egeraat beide Nutzungen zusammen ohne sie zu vermischen. Untergebracht hat der Architekt dafür unter dem einen Decke mit nachgebildet gotischem Netzwerk, jedoch nicht als gemauert tragende Rippen sondern aufgesetzt einer Rabitzdecke, einen Aularaum für eine zeitgemäße Hochschulnutzung, Kongresse, Konzerte und einer Andachtsraum. Entstanden ist dafür ein schlichter weißer Saal mit etwa 500 Plätzen ohne die Sichthindernisse der Säulen, da sechs von ihnen vier Meter über Bodenhöhe abgeschnitten sind. Der kleine kirchliche Bereich, in etwa die Apsis, kann vom großen Saal mit 16 Meter hohen Acrylglas-Schiebewänden abgetrennt werden. Wie auch ein eigener Zugang von außen über eine Treppe möglich ist. Gerettete historische Elemente der alten Kirche, der 500 Jahre alte Altar, 30 der geborgenen Epitaphien prägen dort den Raum. Eine neue Schwalbennest-Orgel der Schweizer Orgelbauer Metzler im Andachtsraum wie eine neue 2950-Pfeifen Jehmlich-Orgel für kirchliche und größere Konzerte auf der Empore wurden schon zur Baufeier volltönend angespielt.

     So sollte das Paulinum bereits zu 600-Jahrfeier der Universität 2009 fertig sein. Unterschiedliche und komplizierteste Anforderungen von Nutzer- wie Architektenseite trafen aufeinander, für die prototypische Entwicklungen notwendig wurden und Fertiger gefunden werden mussten. Wie die extrem hohe Glaswand. Auch die über den Köpfen als Leuchtkörper schwebenden, innen LED-erleuchteten Säulenstümpfe, die aus bis zu sechs Meter langen und schweren Glasteilen montiert absolut sicher hängen müssen. Auch sind zwischen der stilisiert gotischen Innendecke und dem äußeren Blechdach des voluminösen Gebäudesvier weitere Geschoße eingezogen für Büronutzung der Fakultäten. Ein sehr schwieriger Bau dessen Fertigstellung dazu noch behindert wurde dass Autoren-Rechtsstreitigkeiten aufkamen, wegen Insolvenz von Baufirmen und zwischenzeitlich sogar des Architekturbüros. In jeder Weise ein Experimentalbau. Mit diesen Umständen rechtfertigte der oberste Bauherr, Sachsens Finanzminister Georg Unland, die Kostenüberschreitung um mehr als 100 Prozent für den Endlosbau gegenüber veranschlagten auf 117,3 Millionen Euro. Wie auch die überlange Bauzeit von mehr als 12 Jahren. Für ihn steht aber auch fest: „Das Paulinum ist ein herausragend spektakuläres Bauwerk.“

      Ministerpräsident Stanislaw Tillich betonte in seiner Feierrede zur Bauübergabe: „Das Bild, wie die Kirche zusammenfiel, ist eingebrannt in das historische Gedächtnis der Stadt – jetzt 49 Jahre später bekommt die Universität ihr geistiges und geistliches Zentrum wieder.“ (Bäu 14.9.2017)