Wo August der Starke gerne Abstieg

‚Hermannsdorf’

am Ufer der Großen Röder nördlich von Dresden findet seine urkundlich erste Erwähnung 1350. Erst Vorwerk, dann Rittergut, erwerben es die von Carlowitz zu ihrem Sitz und errichten das Schloss Hermsdorf (1553-1575), einen langestreckten Renaissance-Bau mit vorgesetzten, zwei seitlichen sowie einem mittigen Treppenturm. Der Schlosshof ist von Mauern umgeben mit dicken, runden Ecktürmen und an drei Seiten von einem Wassergraben umrahmt. Der östliche Rundturm wird später mit reichen frühbarocken Stuckaturen zu einer Kapelle ausgestaltet, die geweiht bis heute kirchlichen Anlässen dient. Wechselnden Eigentümern folgte Heino Heinrich von Flemming (1632-1706), der nach Abschied aus sächsisch und preußischen Feldmarschall-Diensten 1699 mit Gut Hermsdorf belehnt worden war. Sein Erbe, Adam Friedrich von Flemming (1687-1744) Graf auf Hermsdorf, ließ den nach einem Feuerübergriff vom benachbarten Brauhof bis aufs Erdgeschoss niedergebrannten Schlossbau, 1729 im Barockstil wiederaufbauen. Dresdens Ratszimmermann George Bär, lieferte Pläne dazu die den Mitteltrakt mit einem großen Dreiecksgiebel betonen, in den ovale Fenster schräg eingefügt sind. Die Bekrönung des Treppenturms mit einer steinernen Haube weist ebenso auf den Erbauer der Frauenkirche hin. Auch ließ Flemming das vorhergehende Jagdrevier am Schloss der Burggrafen von Meißen zu einem Barockgarten mit Fontanellen, Teich und Wegesystem in französischer Manier ausgestalten. Bei dessen späterer Umgestaltung in einen englischen Landschaftsgarten kam das „Kahnhäusl“ am Wasser dazu. Beide Familienzweige der Flemmings hatten großen Einfluss am Hofe und August der Starke stieg auf seinen Reisen nach Polen häufig beim Grafen in Hermsdorf ab. Die putzsüchtig glanzvolle Ausgestaltung des Schlosses, die seinen Herrscher beindrucken sollten, brachten Graf Adam in finanziellen Ruin, wodurch die Flemmings Hermsdorf verloren.

      Letzte adelige Herren auf Schloss Hermsdorf waren ab 1865 die von Schönburg-Waldenburg. Nach Prinz Hermann (†1943) begannen mit Belegung des Anwesens durch SS-Einheiten, ab Kriegsende 1945 mit Rotarmisten, danach zur DDR-Zeit durch Nutzung als Altenpflegeheim, die Destruktion, Verlust des historischen Mobiliars und Vernachlässigung der Substanz von Gebäude und Park. Nach dem Auszug der letzten Senioren im Sommer 1998, erlebten die alten Mauern weitere wechselvolle Jahre. Ein paar Kulturschaffende aus Dresden wollten den Herrensitz zu einem ‚Kunstschloss‘ aufbauen. Sie erhielten dazu nahezu euphorisch den Zuschlag der Gemeinde Ottendorf-Okrilla, in welcher Hermsdorf zum 1.1.1999 als Ortsteil aufgegangen war. Die eher Lebens- als Kreativkünstler schafften ihre Ziele nicht, mussten aussteigen, Schloss Hermsdorf verlotterte weiter. Bis in der ersten Hälfte der frühen 2010er Jahre die Gemeinde sich ihres Besitzes besann, die kleine Kapelle, den intakten Festsaal und das Schloss im Gesamten mit schrittweiser Sanierung öffentlicher Nutzung zugänglich zu machen, wie auch den Park in Pflege zu nehmen. Maßgeblich für die Wiederbelebung war und ist bis heute dabei eine Interessengemeinschaft engagierter Hermsdorfer zwischen 50 und 80 Jahren, denen der Erhalt „ihres“ Schlosses Herzenssache ist. Sie begannen 2013 mit der Herrichtung von Parkwegen. Erwarben mit Hilfe befreundeter Fachfirmen des Ortes Expertise auch für schwieriges Sanierungsgewerk Putz, Stuck, Elektro, Tischlerei. Womit der harte Kern der IG – sechs Männer und Frauen – nahezu 15.000 Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit schon aufgebracht und eingeworbene 30.000 Euro Spendengelder verbaut haben. Für die Dachsanierung des Mansardengeschosses aber – die Balkenkonstruktion war bis an die Auflage durchgefault – wurden von der Gemeinde 935.000 Euro, zu einem Drittel etwa gefördert, vergeben werden, ein finanziell sehr großer Brocken für das 9900 Einwohner zählende Ottendorf-Okrilla.

      Die ‚Betreibergesellschaft Landschloss Hermsdorf‘ hat sich als Gastgeberin für Feierlichkeiten und Veranstaltungen aller Art von Hochzeit bis zum Firmenevent etabliert. „Das Ambiente im Schloss und der romantische Park bieten dafür die beste Kulisse“ sagt Chefin Angelika Frenzel, die sich seit langem als Mitstreiterin der umtriebigen IG für die Erweckung des Schlosses engagiert. Seit 2007 zieht sie alljährlich im November schon einen großen Schloss-Weihnachtsmarkt auf, der bis heute die die Saison der Weihnachtsmärkte Sachsens eröffnet. Kulturleben in Park und Schloss mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und einem Jahresfest besorgt der Mitgliederverein ‚Schlossparkgesellschaft‘. „Gefühlt“ ist ganz Hermsdorf bei seinem Schloss dabei. (Bäu)

www.schloss-hermsdorf.com, www.schlosspark-gesellschaft.de,
Schlossführung auf Anfrage

www.baeumler-agentur.de
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