Türckische Cammer

Vorbesichtigung vor der Eröffnung

Nicht genug der Schätze sind in den Sammlungen des historischen und des neuen grünen Gewölbes der Staatlichen Kunstsammlungen im Dresdner Schloss gehäuft. Schon bald, im März 2010 öffnet mit der ‚Türckischen Cammer’ ein weiterer Tresor einzigartiger Schätze sein Tor Dresdnern und dem die Stadt besuchenden Publikum.

Über mehrere Jahrhunderte haben die sächsischen Kurfürsten und Könige aus diplomatischen Geschenken und Beutestücken unterschiedlicher Schlachten, aber auch durch gezielte Ankäufe eine Sammlung osmanischer Kunstwerke und Zierobjekte des 16. bis 19. Jahrhunderts zusammengetragen. Auch ließen sie mit hohem Kunstverständnis, aber auch tiefen Griff in die immer strapazierten Staatssäckel, orientalisierende Kunstobjekte anfertigen. In Dresden, in Prag und ‚original türkische’ in Siebenbürgen, wo in der Grenzzone zum Orient Handwerk dafür seine Blüte hatte.

1614 taucht die Bezeichnung Türckische Cammer erstmals auf. Im frühen 18. Jahrhundert dann, erlebte das Sammeln orientalischer Objekte seinen Höhepunkt, wie so Vieles unter August dem Starken. Auch er war der ‚Türkenmode’ verfallen, wie andere seiner absolutistischen Herrscherkollegen damals. Gerne verkleidete er sich als Sultan und er gebar für den Dresdner Zwinger ein Wachsfigurenkabinett verführerischer Damen, das einen orientalischen Harem darstellte. Prachtvolle orientalische Feste in Polen und Dresden lies August auffahren, die luxuriöser Repräsentation und Machtdemonstration dienten. Die Hochzeit seines Sohnes, Friedrich August II. von Sachsen, mit der Kaisertochter Maria Josepha von Österreich im Jahr 1719 wurde tagelang opulent gefeiert in türkischer Dekoration, ausstaffiert mit osmanischen Utensilien, Kunstwerken und den großen Staatszelten aus der Requisite. So war die orientalische Sammlung zu jener Zeit auch reicher Fundus zur Ausstattung und Gebrauch bei vielen Anlässen.

Im 19. Jahrhundert flaute das museale Sammeln von Orientalika des sächsischen Herrscherhauses ab. Ein Teil ihres angehäuften Hortes war in der Rüstkammer des Schlosses repräsentativ bewahrt und dort auch der Öffentlichkeit zugänglich. Weiteres wurde in anderer Form im Dresdner Johanneum ausgestellt - bis zur Auslagerung im Kriegsjahr 1942. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten die meisten Objekte nach Russland. Mit der Rückführung der Bestände der Rüstkammer 1958 aus St. Petersburg kam auch die orientalische Sammlung nach Dresden zurück. Seit 1959 war eine kleine Auswahl in die Dauerausstellung der Rüstkammer, in der Osthalle des Semperbaus am Zwinger, integriert.

Die künftige Dauerausstellung der osmanischen Sammlung ist völlig neu konzipiert und zusammengestellt. Als ‚Türckische Cammer’ ist sie eine authentische Neuerfindung, es gab sie so nicht. Auf 750 Quadratmeter werden 600 orientalische und orientalisierende Objekte oberschichtliches Flair und die Faszination des Orients damaliger Zeit präsentieren. Hauptattraktion sind die prächtigen osmanische Staatszelte sowie die umfangreichen osmanischen Prunkreitzeuge aufgezäumt an eigens neu geschnitzten, lebensgroßen Araberpferden. Umgeben von Panzerhemden, Helmen, Fahnen, Waffen, Gewändern und auch kunstvollen Gebrauchsgegenständen, lässt die Ausstrahlung der exquisiten Kostbarkeiten, die Begeisterung für osmanische Kunst und Kultur der sächsischen Kurfürsten nachempfinden.

Die Besucher, erwachsene wie Kinder, werden umfangen von geheimnisvoller Schatzkammer-Atmosphäre beim Eintreten in die drei Schauräume. Abdunkelung, dunkle Boden, dunkelblaue Wände lassen in Nachtambiente den mit Effektstrahlern angeleuchteten Silber-Gold-Juwelenbesatz der Ausstellungsgegenstände besonders aufglitzernd wirken. ‚1001 Nacht’ schimmert und dies besonders beim Durchschreiten des Prunkzeltes aus dem 17. Jahrhundert. Riesige 20 Meter lang, 8 breit und 6 Meter hoch, ist es in diesem Erhaltungszustand und in dieser Größe nur in Dresden zu sehen. Allein für die aufwändige Restaurierung der Zelte wurden 3,6 Millionen Euro benötigt. Wie an der Instandsetzung und Ausbesserung aller Sammlungsobjekte seit den 1990er Jahren von Restauratoren der Kunstsammlungen und freien Mitarbeitern auf höchstem Niveau gearbeitet wird.

Dunkelheit in den Räumen der ‚Türckischen Cammer’ - Fenster zum Schlosshof werden zugehängt - ist aus konservatorischen Gründen zum Schutz der lichtempfindlichen Farben, Textilien, Lederapplikationen notwendig. Die Ausstellungsvitrinen sind hochtechnisierte ‚Maschinen’ mit Temperatur- und Luftfeuchteregulierung, zur Beleuchtung, Staubfreiheit und Sicherheit der Schaustücke. Herausfordernd war die Beschaffung der Sicherheits-Doppelglasscheiben, deren Größte für eine Fahnenvitrine die riesigen Ausmaße von 4,5 mal 4,2 Meter hat. Für ungetrübte Einsicht sind die Gläser doppelt entspiegelt, wie in keinem anderen Museum der Welt - außer einem ‚neureichen’ in einem Emirat. Dem Wert der Objekte zur Zeit ihrer Entstehung begegnet der heutige Verwahrer Freistaat Sachsen mit höchstem Aufwand für ihre Bewahrung: 5,6 Millionen Euro - ohne Restaurierungen - nach 1 1/2 Baujahren nur sind für die ‚Türckische Cammer’ ausgegeben, wenn sie ihre Türen in 2010 öffnet.

Zusammen mit dem Grünen Gewölbe, den weiteren Ausstellungsbereichen der kommenden Rüstkammer und den noch zu gestaltenden Fest- und Paraderäumen, wird sie das Dresdner Residenzschloss im Zeichen höfischer Repräsentation in Renaissance und Barock als Ensemble zeigen - im Komplex des ganzen ‚Dresdner Louvre’. (Bäu)
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Konzeption und Katalog Holger Schuckelt, Kurator Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Architektur und Gestaltung Philip Stamborski, Architekturbüro Peter Kulka Architektur Dresden GmbH

Bauherr und -Leitung Ludwig Coulin, Freistaat Sachsen, Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
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