"Moskau-Tscherjomoschki" von Dimitri Schostakowitsch in Dresden

Christine Mielitz inszeniert Schostakowitschs einzige Operette

Tscherjomuski02Fünfundzwanzig Jahre, nachdem sie mit beklemmender Zeitnähe zum Wendegeschehen »Fidelio« auf die große Bühne der Semperoper gebracht hat, inszeniert Christine Mielitz wieder in Dresden: Dimitri Schostakowitschs einzige musikalische Komödie »Moskau-Tscherjomuschki« kommt am Freitag auf die kleine Bühne Semper 2 der Staatsoper Dresden.

Veröffentlicht in Musik in Dresden 20.2.2014, Feature

Regie an der Semperoper? "An mir soll es nicht liegen"

Die international gefragte, in Dresden wohlbekannte Opernregisseurin Christine Mielitz hat vor wenigen Wochen schon auf einem »Roten Sofa« gesessen: im Wagner-Schloss Graupa zum Gespräch der gleichnamigen Reihe mit Musik-in-Dresden-Autor Michael Ernst, der die gebürtige Chemnitzerin zu ihrer Lebenskarriere befragte. Ihrem Studium der Opernregie an der Hochschule für Musik ‚Hanns Eisler‘ in Ostberlin folgten Praktikum und Assistenz bei Harry Kupfer an der Dresdner Staatsoper. Die Regiekarriere begann, als sie bei allererster Arbeit noch in Co-Regie, 1977 mit ‚Ormindo‘ von Cavalli in Dresden am Kleinen Haus reüssierte. 1989 wechselte Mielitz als Regisseurin an die Komische Oper Berlin. Es folgten Intendanzen in Meiningen und Dortmund. Seit 2010 ist sie freischaffend an großen Häusern der Welt zu Gast.

Tscherjomuski03Wie vorausgeahnt war ihre letzte Regiearbeit in Dresden – Beethovens »Fidelio« – subtil auf Situation und Geschehen der Wendezeit bezogen. Das Premierenpublikum am 10. Oktober 1989 nahm in beklemmender Gespanntheit die aufrührend große Inszenierung an. Sie ist heute noch auf dem Spielplan der Semperoper. Zur Laufzeit von Produktionen befragt, hat die Regisseurin so ihre Meinung. Nicht länger als fünf Jahre sollte die sein, sagt die temperamentvoll, mit lebhafter Gestik Sprechende und gibt zu den eigenen Inszenierungen Salven ab wie „»Lohengrin« von 1983 im vergangenen Wagner-Jubiläumsjahr? Naja, es freut und ehrt mich. Aber bis heute über 30 Jahre, wissen Sie, das ist zu lang.“ Und für die Wiederaufnahme der »Bohème«, inszeniert genauso schon 1983, damals wie üblich in deutscher, heute in italienischer Sprache gesungen, bat sie um den distanzierenden Zusatz „nach einer Inszenierung von Mielitz“.

Lange in Dresden nicht neuinszenierend, richtet Christine Mielitz jetzt wieder ein Stück hier ein für die kleine Bühne der Staatsoper, Semper 2‚ »Moskau-Tscherjomuschki«, Dimitri Schostakowitschs einziges, der Gattung Operette zugeordnetes Bühnenwerk. Voll hinreißender Melodien und jazziger Rhythmen, stellen vordergründige Heiterkeit und folklorischer Humor hintergründig Ideologien ‚Neuer Mensch in neuer Stadt‘ und Funktionärssysteme bloß. Der Autor sprach vor der Premiere mit der Regisseurin.

Frau Mielitz, Sie haben mit »Lady Macbeth von Mzensk« erstmals ein Bühnenwerk von Schostakowitsch 1991 an der Volksoper Wien inszeniert. Hat Sie das neugierig auf mehr gemacht?
Bei uns Theaterleuten gibt es immer viele Geschichten zu einer Sache. Aber natürlich hat mich die Erfahrung der »Lady von Mzensk«, die ja große Tragödie ist, in der aber auch prononciert Kabarettistisches und ganz tolle Schlagzeugzwischenspiele vorkommen, doch sehr gereizt nochmals einen Schostakowitsch zu machen. »Tscherjomuschki« ist sein einziges komisches Werk und er hat ja auch geschwankt ob er es Musikalische Komödie oder Operette nennt. Ich habe ein großes Faible für diese russische, schrille Art Bauerntheater. Es ist wie eine russische Commedia dell’arte mit verschiedenen ganz klar gezeichneten realen Typen wie die Menschen eben sind, ehe sie am Ende in einem Traum doch wieder unrealistischer werden.

Anläßlich der Lohengrin-Wiederaufnahme war ich in Dresden, und da hat man mich gefragt ob wir dieses Schostakowitsch-Stück machen wollen. Wir haben uns sehr schnell entschieden und für die kleine Fassung, die auch mit einem kleinen Orchester zu machen ist. Sie zeigt das Jazzige fast der zwanziger Jahre, das schrille, die Unterhaltung neben dem Nachdenklichen, dem Heroischen noch viel klarer als mit großem Orchester, denn Jedes Instrument steht für sich ganz alleine für eine Stimme und dadurch ist die Pathetik, die ganz große heraus aus dem Werk und es bleibt frisch.

Es gibt in jüngerer Zeit verschiedene Fassungen, eine Stuttgarter, eine Berliner Fassung. Dort läuft »Moskau, Tscherjomuschki« aktuell an der Staatsoper in der Werkstatt des Schillertheaters. Wir haben unsere eigene Dialogfassung gemacht, natürlich sehr nahe am Original. Wir haben versucht viel Zeitgeist der sechziger Jahre einfließen zu lassen. Da gab es Tauwetter, mehr Möglichkeit freier Entfaltung, das Zusammenleben individueller zu gestalten. Wir haben auch am Bloßstellen menschlicher Eigenschaften gearbeitet. Was tut der Mensch nicht alles, um erfolgreich zu sein. Erfolgreich an eine Wohnung zu kommen, erfolgreich an eine Frau, einen Mann. Da ähneln wir uns doch durch alle Zeiten sehr und wissen wohl, dass Korruption, Steuerhinterziehung, Betrug wie damals bis heute nicht vergangen sind. Und würden wir nicht auch im Dschungel des Allzu-Menschlichen verschwinden wie die Figuren in »Tscherjomuschki«? Insofern bleibt dieses Werk ganz, ganz nah bei uns.

»Tscherjomuschki« entstand nach Stalins Tod im Tauwetter der Chruschtschow-Ära. Das Stück wurde 1959 in Moskau mit großem Erfolg uraufgeführt. Hier fanden wir nichts?
Doch, doch. Es war bekannt in der DDR. Aber seltsam: Wo Schostakowitsch sich eigene individuelle Figuren selber knetet, sie auch mit seiner Musik bunt, schrill, schräg, melancholisch begleitet, spielte man dieses Werk in der DDR und auch in der Sowjetunion ganz realistisch-sozialistisch. Das Volk war gut, alle Figuren waren harmlos, geglättet ins Gefällige gezogen. Schostakowitschs Komödie wandelte sich zur hübschen Operette. In der DDR hieß sie auch »Lidotschkas Reise«, »Moskau ist schön« und so ähnlich. Aber in Dresden, nein, da haben sie es nicht aufgeführt.

»Moskau, Tscherjomuschki« ist ein Stück mit nicht kleiner Personnage, Plattenbau, Autos, ein Kran. Passt das auf die kleine Bühne Semper 2, die eigentlich die Probebühne der großen Oper ist?
Da warten Sie mal ab, Sie werden sehen, wie gut es geht! Vor der Premiere verrate ich nichts. Und wenn Sie mich noch fragen ob eine Arbeit von mir auch wieder auf der großen Bühne der Semperoper zu sehen sein wird? Da antworte ich: An mir soll es nicht liegen. Wir werden sehen.

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»Moskau, Tscherjomuschki«
Tschernomuschki heißt Vogelbeerbäumchen und ist der Name einem Moskauer Neubaugebiet. Das ganze handelt von einem Traum der Russen in der Tauwetterperiode um 1958, als sie glaubten mit neuen Wohnungen auch den neuen Menschen bauen zu können.

Musikalische Leitung: Mikhail Agrest
Inszenierung: Christine Mielitz
Bühnenbild & Kostüme: Christian Rinke
Chor: Christiane Büttig
Licht: Marco Dietzel
Video: Knut Geng
Dramaturgie: Valeska Stern, Christian Baier
Choreografie: Katrin Wolfram
Figurenbildnerin: Franziska Schmidt


Tscherjomuski04Zur Einführungs-Matinee saß Christine Mielitz wieder auf einem roten Sofa. Mit ihr das Inszenierungsteam. Mikhail Agrest, Musikalischer Leiter der Aufführung, stand ihr bezüglich Temperament nicht nach. Sprang vom Sofa auf und intonierte Lieder am Klavier, um aufzuzeigen, wie Schostakowitsch mit Raffinesse lustige Texte mit Musikpassagen in traurigstem Moll collagiert. Wofür er gerne auch zitiert, Anspielungen macht: Borodin, Tschaikowski, Filmusik, Folklore. Wann gibt es das schon, dass der Dirigent zur Einstimmung auf die Premiere auch singt?