Urenkelin von Richard Wagner - Ur-Urenkelin von Franz Liszt in Graupa

Die Beidlers - Im Schatten des Wagner-Clans

Beidler7Dem ersten Enkel Richard Wagners, Franz Wilhelm Beidler, Sohn von Isolde, der niemals legitimierten Tochter des Komponisten und seiner späteren Frau Cosima, widmet sich die aktuelle Sonderausstellung im Wagner-Museum Jagdschloss Graupa. Sie weist auf die weitgehend unbekannte Richard Wagner-Nachkommenslinie.

Nach ihren vorhergehenden Stationen in Zürich und Bayreuth geht die Ausstellung von Graupa ins Wagner-Museum Tribschen bei Luzern.

Für Musik in Dresden 17.12.2014, Features

Isoldes Leid

      Isolde. Die Erstgeborene. Anerkannt als Tochter Richard Wagners galt als das von ihm meistgeliebte Kind. So war es bis der Vater 1883 starb. Dann aber, nachdem in einem denkwürdigen Vaterschaftsprozess, der in eine weltweit kommentierte Schlammschlacht geriet „ob, wer, wann, mit wem“, die Mutter Cosima schwor, Richard sei Isoldes Vater nicht, war sie auf einmal illegitim. Cosima war noch mit Hans von Bülow verheiratet, als der heißen Liaison mit dem 24 Jahre älteren Wagner auch die weiteren Kinder entsprangen, Eva und Siegfried. Ihre Ehe wurde erst 1870 geschieden, demnach hießen auch Wagners drei Kinder "von Bülow", wie die damalige Ehe- und Familienrechtslage es vorsah, Genzuordnung gab es noch nicht. Für Bayreuths Wahnfried-Familie, in der Cosima als ‚Herrin‘ des grünen Hügels das Sagen hatte, kam für Nachfolge und Bewahrung des "Hohen Schöpfers Erbe" nur eines in Frage, männlich und Wagner. Dafür wurde umgeschrieben, geschwärzt, gelinkt, mit Meineid besiegelt, bis Siegfried, jüngster der drei Geschwister, fortan Namensträger und Erbfolger war.

Wagner darf ich nicht heißen - Büow möchte ich nicht sein - Beidler muß ich mich nennen

      Franz Wilhelm Beidler, Isoldes Sohn, blieb in der folgenden Generation von der Thronfolge in Bayreuth ausgeschlossen, obwohl er, der 1901 Geborene, der erste Enkel Richard Wagners gewesen ist. Isolde hatte sich in Bayreuth mit dem Kapellmeister Franz Philipp Beidler vermählt, der anfangs durchaus wagnertreu, dann aber mit Isolde Enterbung durch ihre Mutter Cosima und Ausgegrenzung von der Familie, gegen den Clan opponierte. Mit einer frühen Aufführung des Weihefestspiels Parsival am Liceo Barcelona in der Neujahrsnacht 1913/14, die er dirigierte, verstieß Franz Philipp Beidler provozierend gegen den Kodex von Bayreuth. Die andere Tochter Wagners, Eva, war kinderlos geblieben.

     Die Musikwissenschaftlerin Verena Naegele und die Musikpublizistin Sibylle Ehrismann nahmen sich der Erforschung dieser zweiten Wagner-Nachkommenslinie > Tochter Isolde > Enkel Franz Wilhelm > Urenkelin Dagny an. Aus Registern und Archiven, Prozessakten, originalen Familiendokumenten, Tagebüchern – das braune Buch Wagners, bis 1976 unter Verschluss und wie die Tresore Bayreuths "sehr zugeknöpft“ - gruben sie Vieles aus und stießen auf bisher Unbekanntes, Kurioses. Vor allem aber Aufhellendes, wie von den beiden Familienlinien, die auf Richard Wagner zurückgehen, eine hochgehoben und die andere weggedrückt worden ist. Erst nach und nach wird der Name Beidler mit der Familie Wagner in Verbindung gebracht, sowohl intern im Wahnfried-Umkreis, wie öffentlich. Auch dem Autor war der Family-Crime Wagner – Beidler unbekannt.

     Enkel Franz Wilhelm Beidler studierte Jura in Berlin, war in sozialistischen Kreisen engagiert, verehrte als Erblast des Großvaters, der Enkel in ihm den 1848-er Revolutionär. Franz heiratete die Jüdin Ellen Gottschalk, als der Bayreuther Wagner Clan bereits in frühen 20 Jahren auf Tuchfühlung zum Nationalsozialismus ging. 1934 musste er mit seiner Frau Ellen Deutschland verlassen und kam über Paris in die Schweiz – vollzog damit einen Fluchtweg wie der Großvater - wo er zum hochgeachteten Sekretär des Schweizer Schriftstellerverbandes aufstieg. Nach Kriegsende 1945 wurde Franz Beidler, als einziger der Familie naziunbelastet, nach Bayreuth gerufen und um ein Konzept für die Zukunft Wahnfrieds gebeten. Der kompetente Jurist arbeitete es aus: Bayreuths 'Wahnfried', Villa und Festspielhaus, in eine Stiftung wandeln und dazu den Besitzer-Clan der Aufführungsrechte enteignen. Doch die Stehkraft der Wagner Familie war stärker, wie auch ihre Unterstützer, von brauner zu neuer Couleur gewendet, waren diese zumal in Bayern weitgehend an der Macht geblieben.

     Ehrismann und Naegele beschreiben in »Die Beidlers« eine Familiengeschichte, in der die Sex-Lug-Trug-Schein-Sein-Dramen den Ring an Spannung übertreffen. Sie kuratierten eine Ausstellung, die zum 200-sten Geburtsjahr Wagners 2013 in Zürich und zur 100-sten Jahrestag 2014 des Beidler-Prozesses im Bayreuther Wagner-Museum. Die Aufwertung der Wagnerstätten-Graupa durch das neue, multimediale Wagner-Museum im restaurierten Jagdschloss Graupa und der runderneuerten Wagner-Gedächtnisstätte Lohengrin-Haus, positionieren Graupa auf die Höhe der anderen großen Wagner-Gedenkstätten. Bei seinem Gegenbesuch zum Bayreuther Richard-Wagner-Museum sah Pirnas Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke dort die Franz Beidler Ausstellung. „Ein Muss für Graupa!“ war die Reaktion. Jetzt ist sie als Sonderausstellung dort präsentiert.

Richard-Wagner-Stätten-Graupa

     Diese für die Wagner-Rezeption wichtige Präsentation  passt bestens auch zur Konzeption, Graupa als Stätte der Neuheiten, Forschung, Medien aus der Wagner-Welt zu entwickeln. Dafür stehen zwei Stipendiatenplätze zur Verfügung, die besetzt sind. Die vorhergehende Sonderausstellung »Richard und Minna« war bereits ein guter Griff in diese Richtung. Nachfolgend wird für 2015 »Nietzsche und Wagner« von einem der Stipendiaten erarbeitet. Die Mediathek wurde großzügige Stiftung eines Schottischen Sammlers um mehr als 260 Schellack- und Vinylplatten von Bruno Walter bis Furtwängler bedacht.
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     Für 2015 habe man sich vorgenommen das museumspädagogische Angebot für Schulen und junge Menschen auszubauen, gab in seiner Jahresrück und –vorschau Christian Schmidt-Doll bekannt. Neben einer dichten laufenden Reihe von Abendveranstaltungen sind die Wagneriade im Mai und die Wagner-Spiele im Juli 2015 angesagt.

     Nach Vakanz und wechselnder Führung, hat Schmidt-Doll die Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna mbH (KTP), in deren Zuständigkeit die Wagner-Stätten-Graupa stehen, einen neuen Chef. Auf der Woge des Wagnerjahres 2013 hatten über 25.000 Besucher von Dresden über Pillnitz hinaus zu den beiden Häusern in Graupa gefunden. Wieder in Normalität, werden es 2014 etwa 12.000 sein. Über 1.500 nahmen an Führungen durch die beiden Häuser teil. Die wissenschaftlichen Betreuer Katja Pinzer-Hennig und Christian Mühne mit ihrem Team freut es, wenn sie Wissen weitergeben können.

      Die Richard-Wagner-Stätten-Graupa ehrt es, dass zur Vernissage der aktuellen Sonderausstellung ein echt wagnerblütiger Gast gekommen ist. Urenkelin Dagny war hocherfreut zu sehen „was hier alles über meinen Urgroßvater entstanden ist“. Und der Autor verhehlt seine Freude nicht, dass er ein persönlich gewidmetes Autogramm bekam - voila wer schon hat ein Autograf aus wagner- und lisztblütiger Hand. 29. November 2014 (Bäu)



»Aufrecht und konsequent – Wagners Schweizer Enkel und Bayreuth. Ein Lebensbild von Franz Wilhelm Beidler« Ausstellung im Jagdschloss und Lohengrinhaus Graupa , bis 1. März 2015

»Die Beidlers – Im Schatten des Wagner-Clans«, Verena Naegele, Sibylle Ehrismann, Rüffer & Rub Verlag, Zürich 2013

www.wagner-staetten-graupa.de